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Archiv für September 2010

Sind Sie das Hendl?

Auf dem morgendlichen Weg zur Arbeit wird man ja immer wieder an Schulen aufgehalten, wo fürsorgliche Mütter, die ihre Brut zur Lehreinrichtung transportieren, mit riesigen Fahrzeugen die Straßen blockieren. Wären uns derlei Mitschüler, als wir noch jung waren, mit den Eltern in Schulnähe angesichtig geworden, Prügel wären noch das harmloseste gewesen, das diese Heimscheißer zu kassieren gehabt hätten.

Oder Menschen im Dirndl vor 30 Jahren - ewiggestrige abwatschungswürdige Volksmusikhörer. Heute quetschen sich junge Trachtenschwengel vor den Türen stickiger Bierzelte. Was im Sommer die Malle-Reportagen, sind im Herbst die Wiesn-Berichterstattungen. Selbst die ganz ordentlich in Erinnerung gehabt habenden Dokumentationen von Süddeutsche-TV sinken auf B-Promi-Niveau hinab.

Über vier Stunden Wiesn-Themenabend wollten gefüllt werden. Und das unter Zuhilfenahme diverser Peinlichkeiten: Bluebox-C-Promis erklären, dass es ja gar nicht "auf den Wiesen" heißt und D-Prominenz in Gestalt Fiona Erdmanns freut sich darauf, dass der "Münchner Bürgermeister diese große Holzflasche, äh, also diesen Kanister da, naja, äh, ah ja, das Fass!" ansticht. Die Frage nach der Zielgruppe solcher Festivitäten ist somit dann auch gleich beantwortet. Bei jedem O-Ton trägt die Erdmann die Uhr am anderen Arm, denn eine Spiegelung zu bemerken, traut man dem Publikum ja eh nicht zu.

Dann die erwarteten Bilder betrunkener Schläger, die Unverständliches an die Helfer hinlallen. Schnitt auf Micky Krause in der Bluebox, der "Was hat der gerade gesagt?" sagt.

Gefühlte 20 Bierzeltlieder werden analysiert, über die Preise gemeckert, ohne über das Gesetz von Angebot und Nachfrage zu sinnieren. Es wird wieder mal erklärt, bei welchem Familienstand die Dirndlschleife wo zu tragen ist, was auch nur die Zuschauer erleuchten dürfte, die heute noch staunen, dass das Stäbchen auf dem Kassenfließband doch tatsächlich einen Namen hat. Oder diejenigen, die von den Eltern mit der Familienkutsche zur Schule gebracht wurden.

Kommentare:

Brafasius schrieb:
Soll das Medienkritik sein? Dann setzt euch mal mit den Intentionen der Macher und dem Topos auseinander.

Onkel Brahms schrieb:
Hab ich gar nicht gelesen, den ganzen Kram da.

Legotrenner

Legotrenner

Ein Trenner fürs Lokalfernsehen im Spielzeuglook, der neugierig auf die kleine und doch große Region macht. Weiterlesen

Battle der Schicksale

Ich bin gutaussehend, intelligent, freundlich, stehe mit beiden Beinen im Leben und dennoch habe ich im Fernsehen bei Popstars vorbeigeschaut. Schicksalsgebeutelt versuchte die 16-jährige pinkbehaarte Jasmin dort, ihr Lied zum Vortrage zu bringen jedoch zunächst die Liste an den Unbilden ihres laut Einblendung 21-jährigen Lebens herunterbetend - Hartz IV, Obdachlosigkeit, Lesbentum. Die Jury, bestehend aus einem Tanzchoreographen, irgendeiner Band-Tante und Thomas Stein, war tief beeindruckt. "So können wir Dich nicht wieder gehen lassen!" vermeldete Stein. "Wir lassen dich mal als Wackelkandidat."

Nach einigen langweiligeren Schicksalsgeschichten anderer Teilnehmer betrat Jungtürkin Ezra die Bühne. Ihre Leidensgeschichte toppte schon fast die der Konkurrentin Jasmin, denn sie spielte den Joker aus: Sie wurde bereits VOR der Geburt geschlagen, im Bauch ihrer Mutter noch! "Eine weitere Wackelkandidatin!" belohnte der Jury-Choreograph die Geschichte noch fast vor der Gesangseinlage.

Die Normalkandidaten waren durch, und der Battle (vom Tanzlehrer immer Bäddl ausgesprochen) der Wackelnden wurde eingeläutet. Und ohne eine die Qualität des Gesagten auch nur zu erahnen, moderierte er das Geschehen mit dem Satz des Abends an: "Unser Battle ist eine typische Competition!" Selten hat ein Satz schöner den Inhalt, die Intelligenz der Zielgruppe und sein eigen geistig Kind offenbart.

Es galt, mit der anwesenden Aura Dione einen ihrer Songs im Duett zum Besten zu geben. Nach einer kurzen Übungsphase ging es dann ans Trällern - wer etwas anderes als Miserabilität erwartet hat, wundert sich auch darüber, dass Kühe aus Fleisch sind. Die stirnrunzelnden Mienen und die Unkollegialität der Gesangseinlage der Jury lies dann einen Catfight zwischen den beiden Grazien entfachen. Der Choreograph tadelte Ezras nicht vorhandene Teamfähigkeit und Unfairness, Jasmin brach in Tränen aus, Aura Dione blickte betreten auf Ihre Gitarre. Ich wusste nicht, wem ich den Rausschmiss aus dem Casting mehr wünschen sollte. Kurz vor dem Abschalten des Programms brach Jasmin erneut in Tränen aus - sie musste raus.

Ist das die Zukunft der Casting-Shows? Nun hat ja auch der letzte Dorfschüler mitbekommen, wie er seine zerknitterte Vergangenheit medienwirksam vor der Jury aufbereiten kann, um mangelndes Talent zu kompensieren. Dass es auch anders geht, zeigt momentan zwar gerade X-Factor, doch auch nur weil dort die Jury und ihre, hihi, witzigen Geschichtchen im Vordergrund stehen. Die Kandidaten sind hier nur störendes Beiwerk, dem man ja während der Selbstdarstellungsphasen längst vergessener Castingsieger als Jurymitglieder leider auch noch kurz Aufmerksamkeit zollen muss.

In der Werbepause lief eine Promo für eine Kapelle namens Apollo 13 oder so, deren Hauptverkaufsargument "Alle Songtexte im Booklet" lautet. Wenn das mal kein Omen für die umrahmende Sendung ist.

Kommentare:

Martien Junker (Junkerblog) schrieb:
Bla bla bla

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