Straßenmusikfestival
Deutschlands Straßen sind heute so ruhig wie sonst nur an Tagen mit Hochwasser oder Schweinegrippe. Denn jeder Straßenmusikant, der etwas auf sich hält, hat sich im Ludwigsburger Barockgarten eingefunden, um dort im Wettstreit ihre Ständchen zu geben. Neben Akustikgitarrenklängen und russicher Folklore freuten wir uns auf die Darbietungen der Gruppe "Zeitlos". Weniger aus musikalischer Sicht (singen können sie), sondern mehr um deren Auftritt zu beobachten.
Groupies haben sie im Gepäck, die drei Buben, und nicht wenige. Das zahlreich anwesende Publikum fällt auf schnödes "Wie gehts euch? Ich hör euch nicht! Wie gehts euch?"-Zurufe herein, aufdringlich wird die Bandnummer propagiert ("Hei ho, merkt euch die Nummer Vierzig. Welche Nummer? Die Vierzig. Haha!"), für die das Wahlvolk später voten soll und seltsamerweise (oder erwartungsgemäß) herrscht gute Stimmung.

16-jährige Mädchen filmen den Auftritt der pomadierten Jungs mit ihren Mobiltelefonen und die Groupies von vorhin werfen statt BHs auf die Bühne demonstrativ ihre Stimmzettel in die Box der Band, den Rhythmus mitklatschend. Denn bei der Kapelle "Zeitlos" handelt es sich nicht um eine Coverband der größten Hits von Ted Herold oder Peter Alexander - nein, hier bilden Carlos Santanas Maria und Khaleds Aisha den Kontrapunkt zum Gruppennamen. Derlei Hits mögen zwar dank Ohrwurmcharakter "zeitlos" geworden sein, doch das eigentlich vielfältige Spektrum "zeitloser" Songs ist damit eher begrenzt wiedergegeben worden.
Ein Klassiker bei diesen Auftritten ist auch das plötzliche Aussetzen des Gesangs, um dem mitsingenden Volk zu lauschen. Dem wurde jedoch zuviel zugemutet, so dass nach "Maria, Mariaaaaaah!" nur noch Unverständliches Genuschelt wurde. "Oh Leute, lernt mal euren Text!" quakte der Leadsänger ins Mikrofon. Das Publikum lachte über sich ("Ja, hihi, habs ja auch nicht gewusst wie es weitergeht, aber Walter ja auch nicht, hihi!" denkend).
Nach dem Auftritt auf der Bühne postieren sich die Jungs mit ihren Instrumenten an der Schlange zur Damentoilette. Jedes Publikum ist recht und jede Stimme zählt. Wie am 6. Juni.

